It ain't over, we're in Dover

Die berühmten Kreidefelsen von Dover passieren wir im kleinen Weißen

Eigentlich fehlte es uns bislang an nichts. Bei perfekten Bedingungen hatten wir den Atlantik in rauschender Fahrt hinter uns gelassen, hatten die Scilly Islands passiert, setzten vorschriftsmäßig Blinker und Lichthupe und bogen in aussichtsreicher Position liegend in den Ärmelkanal ein. Am ersten Abend genossen wir eine kurze Atempause am Lizard Point mit einem viel zu kitschigen und daher für harte Männer wie uns uninteressanten Sonnenuntergang, wie unsere 234 Beweisfotos belegen. Später dann bügelten wir unter Genua 1 bei glattem Wasser und rauschender Fahrt durch die Nacht den Kanal empor. Einige von uns meinten dabei, den knusprigen Bacon fast riechen zu können, der von unbekannter Hand voraus wohl in unserer geliebten und schmerzlich vermissten Bratpfanne zubereitet wurde. Zahllose Lichter von Seezeichen, Frachtern und rechtsgelenkten Kleinwagen an Land leisteten uns Gesellschaft und erinnerten daran, dass wir den großen Teich endgültig hinter uns gelassen hatten. Atlantik, check. Auch der Mond brachte sich erstmals auf der Tour stimmungsvoll mit ein und tauchte das Wasser in markantes silbriges Licht. Ach ja, selbstverständlich: Danke an die Bildregie, Schnitt, Close up: Delfine. Wie gesagt, es fehlte an nichts, und wir kamen gut voran. Noch.

In der Morgendämmerung erreichen wir Start Point bei Gegenstrom und schwachem Wind. Der markante Leuchtturm lud zum Verweilen ein, und so nahmen wir uns bei mittlerweile umlaufend null Wind die Zeit, den atemberaubenden Ausblick in uns aufzusaugen. Geblendet von der imposanten Szenerie und auf der Suche nach etwas mehr Wind gerieten wir dabei leicht ab vom geplanten Kurs. Und, Hallo! Die Latona gesellte sich von achtern aufkommend bald zu uns, wohl auch, um auf unserem Rastplatz die Stullen auszupacken und einen Augenblick innezuhalten. Doch was war das? Wir konnten es nicht genau erkennen, doch nachdem die Clubkameraden erst aufwändig rückwärts eingeparkten und ausstiegen, hatten sie es doch unerklärlicher Weise auf einmal sehr eilig, weiterzukommen, und ließen den schönen Start Point und auch uns - staunend und kopfschüttelnd - zurück. Diese ewige Hetzerei heutzutage.

Wir mussten nun auch weiter, aber für die neue Windrichtung hatten wir so gar nichts Passendes anzuziehen. Der große Spi war wie berichtet an Altersschwäche gestorben, und der so optimal geeignete leichte große Spi war bei der After Show Party des Bergfestes ebenfalls stark beschädigt worden und muss nun erst einmal zum Änderungsschneider und stand für den Abschlussball somit nicht zur Verfügung. In seinem derzeitigen Zustand konnte die BROADER VIEW ihn so auf dem Kanal unmöglich anziehen. Was würden da die Leute denken! Und so fehlte erstmals also doch etwas: Das passende, große Leichtwindsegel, um mit der Schickeria weiter vorne mitzuhalten. Wir wären natürlich nicht die, die wir vorgeben sein zu wollen, würden wir nicht das Beste auch aus dieser stilistisch ausweglosen Situation machen. So zogen wir das kleine Weiße, in diesem Fall also den für mehr Wind und eher leger geschnittenen 80%-Spinnaker und machten uns mit quasi angezogener Handbremse auf den Weg. Das gute Wetter entschädigte uns ein wenig, und da wir nun eh etwas später kommen würden, belohnten wir uns mit einem Strandsonntag am BROADER VIEW BEACH bei stahlblauem Himmel, Reggae Musik und guter Stimmung.

Unterwegs mitunter mit Mobilfunkempfang ausgestattet erreichten uns die fröhlichen Grüße der Tutima-Crew, die auf ihrem Weg zur Cowes Week in gar nicht so weiter Ferne unseren Weg passierten. Wir drücken Euch die Daumen, Mädels, viel Erfolg in Cowes!

Nach ereignisloser Nacht konnten wir dann heute Morgen unter den wachsamen Augen der 3000 Gäste an Bord der AIDA PERLA sowie der alten Bekannten der WAPPEN VON BREMEN, wohl auch nach Cowes segelnd, die Isle of Wight hinter uns lassen und mit einen weiteren, vollkommen uninteressanten (für Laien jedoch sicher atemberaubenden) Sonnenaufgang die neue Woche begrüßen. Noch immer im kleinen Weißen kommen wir mäßig voran, doch das Wetter und die gute Stimmung an Bord entschädigen für Vieles. Und das trotz zur Neige gehender Vorräte: Der letzte Honig findet sein würdiges Ende auf dem vorletzten Brot aus dem Bordbistro, allein heute haben wir fast stündlich neuen Kaffee (Courtesy of LATONA) gekocht. Nach dichtem Nebel vor der Meerenge von Dover klarte es am späten Nachmittag rechtzeitig auf, um die spektakulären Kreidefelsen von Dover freizugeben, die mit dem Kalkberg von Bad Segeberg auch ohne Indianer wirklich gut mithalten können.

Nun in der Nordsee und nach einem mangels Honig, aber dennoch unnötigen Sardellenbrot lassen wir England bald hinter uns, und so werden die Winchen wieder auf rechtsdrehend gestellt. Mit einer weiteren neuen Wasserfarbe im Kielwasser und einem doch recht passablen Sonnenuntergang treten wir nun eine unserer letzten Nächte des AAR an. Wir freuen uns auf Zuhause!

Eure Broader View Hamburg-Crew

Felix Christiansen

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