Der HVS

Unter allen Vereinen, die sich mit dem Segelsport befassen, nimmt der Hamburgische Verein Seefahrt infolge seiner Geschichte und seiner Aufgaben eine ungewöhnliche, einzigartige Stellung ein. Er ist ein reedernder Verein. Das heißt: Der Hamburgische Verein Seefahrt stellt den See- und Hochseeseglern kostenfrei Yachten zu Fahrten und Regatten auf offener See zur Verfügung. Er hat damit vielen hundert meist jungen Seglern die Möglichkeit gegeben, einen Sport zu betreiben, den sie sonst nicht hätten ausüben können. Am 12. März 1903 gegründet, blickt der Verein auf eine über 100jährige Geschichte zurück. Aus diesem Anlaß ist hier seine Chronik überarbeitet und weitergeführt worden: Wer ist eigentlich der Hamburgische Verein Seefahrt? Außenstehende richten häufig diese Frage an uns. Manche verführt die Bezeichnung »Seefahrt« zu der Annahme, wir hätten mit der Großschiffahrt zu tun; andere halten die Unterstützung alter Fahrensleute für unsere Aufgabe und verwechseln uns mit dem »Seefahrtsdank«. Wer schon besser Bescheid weiß und von unseren Segelyachten gehört hat, will trotzdem wissen: Wieso »Verein«? Ihr seid doch kein »Club«, tragt keine Abzeichen und führt keinen Vereinsstander. Und was bedeutet die »Segelgruppe Störtebeker«? Viele Fragen, zu deren Beantwortung man etwas von der Entwicklungsgeschichte und Tradition des Verein Seefahrt wissen muß. Darum interessiert es vielleicht, etwas darüber zu hören und auch zu erfahren, welche Ziele der Verein im Laufe seiner wechselvollen Geschichte angesteuert hat. Die Zweckbestimmung des »Verein Seefahrt« ist nämlich im Laufe seiner Geschichte Wandlungen unterworfen gewesen. Die Gründung des alten »Hamburgischen Verein Seefahrt« fällt in die ersten Jahre unseres Jahrhunderts, als der Segelsport unter Kaiser Wilhelm II. seinen großen Aufschwung nahm und die Kieler Woche internationale Geltung erlangte. Glanzpunkte der seglerischen Veranstaltungen waren damals die Rennen der großen Schoneryachten wie der »Meteor« des Kaisers, der »Iduna« der Kaiserin, der »Germania« des Hauses Krupp. Die mächtigen Segelflächen dieser Schoner beherrschten die Regattafelder und stellten alles, was sonst noch segelte, in den Schatten.

Hamburg

Die auf der Sitzung erörterte finanzielle Lage kann heute nur Neid erwecken. Der Verein besaß auf Kapitalkonto aus Eintrittsgeldern, einmaligen und jährlichen Beiträgen 368 000 gute alte Goldmark, woraus die »Rainbow« für rund 235 000 Mark erworben wurde. Zahlreiche Protokolle aus den Jahren 1904 und 1905 beschäftigen sich mit der Frage einer Teilnahme der »Hamburg« an der vom deutschen Kaiser angeregten Ozeanwettfahrt 1905 von New York nach Kap Lizard. Lange bestanden Meinungsverschiedenheiten über die damit verbundenen Risiken. So berichtete Ballin u. a., daß der Kaiser zwar die Meldung wünsche, aber seinerseits die auch hier schon geäußerten Bedenken teile, die Yacht über See zu schicken. Er selbst werde die »Iduna« vermutlich auch nicht herausschicken, da ihm die Fahrt zu riskant erscheine. Nachdem sich der Kapitän der »Hamburg«, Peters, und Herr Tietgens vorbehaltlos für diese Reise ausgesprochen hatten, erklärte sich auch Ballin einverstanden, aber nur unter der Bedingung, »daß das Fahrzeug der Sicherheit wegen bis nach St. Thomas geschleppt werde.« Und geschleppt wurde sie tatsächlich, aber nur bis Madeira, wo sie sich von dem nach Südamerika bestimmten Dampfer »Saturno« trennte, der sie an einer 180 m langen Trosse geschleppt hatte. Am 16. Mai 1905 startete die Ozeanregatta, in der die »Hamburg« gegen acht amerikanische und zwei englische, meist größere Yachten bei teilweise stürmischem Wetter in 13 Tagen und zwei Stunden mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 9,5 Knoten einen höchst ehrenvollen zweiten Preis ersegelte. Der amerikanische Dreimastschoner »Atlantic«, Skipper der berühmte Charles Barr, ging als Sieger 22 Stunden vor der »Hamburg« durchs Ziel und stellte einen bemerkenswerten Rekord auf. Der bekannte deutsche Seemaler Prof. Schnars-Alquist hat in seinem eindrucksvollen Gemälde »Ocean-Race« die »Hamburg« an einem Sturmtag auf dem Atlantik im Rennen liegend dargestellt. Das schöne Bild hängt jetzt in Hamburg im Clubhaus des Norddeutschen Regatta Verein, wo auch das Modell der »Hamburg« steht und alle Betrachter durch die Schönheit ihrer Linien begeistert. Auch das Logbuch wird dort verwahrt.

Albert Ballin
Ballin

Zu dieser Zeit hatte Albert Ballin, Generaldirektor der Hamburg-Amerika-Linie, eines Vormittags einen großen Kreis von Geschäftsfreunden zu sich in sein »Comptoir« gebeten. Niemand kannte die Veranlassung der Aufforderung. Was die Herren erwartete, war eine von Ballin vorbereitete Zeichnungsliste, auf der sich jeder Besucher bereits mit einem festen Spendenbetrag veranlagt sah. Ballin erläuterte kurz seinen Plan, mit Hilfe der Hamburger Kaufmannschaft eine große Yacht in Dienst zu stellen, um unter den Hamburger Farben mit anderen deutschen und ausländischen Schoneryachten zu konkurrieren. Innerhalb einer halben Stunde war die Liste gezeichnet. Der Hamburgische Verein Seefahrt wurde als Träger des Unternehmens gegründet und der Ankauf des schnellen englischen Zweimastschoners »Rainbow« beschlossen; die dann noch im gleichen Jahr als erste Vereinsyacht unter dem Namen »Hamburg« in Dienst gestellt wurde. Führende Persönlichkeiten der Stadt nahmen an der ersten Sitzung des »Verein Seefahrt« am 2. April 1903 im Rathaus teil, bekannte Namen: Bürgermeister Burchard, Bürgermeister Mönckeberg, Albert Ballin, Adolph Woermann, Dir. G. Wolff, Adolph Binder, Hermann Reincke. Zum ersten Male klingt etwas von der Sinngebung des Vereins an, als Albert Ballin Dir. Bolte von der Seefahrtsschule als Geschäftsführer vorschlägt. Ballin hält ihn für »eine besonders passende Persönlichkeit mit Bezug auf den ersten Zweck des Vereins Seefahrt, einen tüchtigen Nachwuchs von Seeleuten heranzubilden«. Die zweite Sitzung fand am 22. Juni 1903 an Bord des Helgolanddampfers »Willkommen« statt. Weitere bekannte Namen: Senator O'Swald, die Herren Tietgens, Alfred O'Swald, Richard Krogmann, Edmund Siemers.

Hamburg II

1913 wurde die erste »Hamburg« durch den Ankauf einer modernen amerikanischen Yacht, der »Westward«, ersetzt. Auch die »Hamburg II« war, wie ihre Vorgängerin, einige Segeleinheiten kleiner als die »Meteor« des Kaisers. In diesem Zusammenhang ist eine Bemerkung Ballins erwähnenswert, »daß dem Kaiser denklicherweise die der »Hamburg« wiederum zu gewährende Vergütung nicht recht genehm sein dürfte. « Ob der Kaiser sich wirklich in dieser Richtung geäußert hatte? Jedenfalls sorgten die Herren Tietgens und O'Swald für den Beschluß, »an der uns zukommenden Vergütung festzuhalten.« Hamburg hatte seinen Bürgerstolz. Diese beiden großen Yachten »Hamburg l« und »Hamburg II« wurden, wie es damals üblich war, von Berufsseeleuten bemannt und geführt, und zwar mit deutschen Seeleuten, während der Kaiser auf seiner »Meteor« nur englische Mannschaften wünschte. Als der Kaiser 1906 den verdienstvollen Kapitän Peters der »Hamburg« abwarb, mußte sich der Verein Seefahrt damit abfinden, tat es aber in der Hoffnung, damit zu erreichen, daß der Kaiser, dem Beispiel des Vereins folgend, in Zukunft mit deutscher Mannschaft segeln würde. »Es solle bei diesem Anlaß wieder daran erinnert werden«, so hieß es in dem Protokoll der 9. Sitzung am 11. Dezember 1906, »daß der Verein dem Zweck habe dienen wollen, das Interesse des Kaisers an den Regatten nach Kräften zu halten und zu beleben. Durch die Abtretung des bewährten Führers unserer Yacht würden die bestehenden Beziehungen hoffentlich weiter befestigt werden.« Hochseeregatten in modernem Sinne gab es noch nicht; die Atlantikregatta 1905 bildete eine aufsehenerregende Ausnahme. Die Wettfahrten fanden in der Kieler Bucht, in den benachbarten skandinavischen Gewässern und auf der Unterelbe statt. Ein Vorschlag, die Unterelberegatten nach Helgoland zu erweitern, wurde als zu riskant abgelehnt. Beide Yachten, »Hamburg l« und »Hamburg II«, erwiesen sich als erfolgreiche Schiffe, die viele Siege auch über größere Gegner errangen. Zwischen den Regatten wurden die Schoner an Vereinsmitglieder verchartert. So z. B. im Jahre 1904 an Edmund J. A. Siemers, unter dessen Gästen sich Alfred Lichtwark, der damalige Direktor der Hamburger Kunsthalle, befand. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges setzte der Zeit der majestätischen Yachten ein Ende. Die Schüsse in Sarajevo besiegelten auch die Epoche der spektakulären Wettkämpfe der Segelriesen mit ihren professionellen Mannschaften. Die »Hamburg l« war schon vor dem Kriege, am 1. Mai 1914, verkauft worden; 1920 ging die »Hamburg II« für 90 000 Kronen in den Besitz des Herrn Konow in Christiania (Oslo) über. Das Ende 1920 noch über 870 000 Mark betragende Vereinsvermögen entwertete die Inflation. Dreizehn weitere Jahre hielt die große Tradition den Verein Seefahrt noch am Leben, bis am 23. Mai 1933 bei einem restlichen Kassenbestand von RM 158,60 und einer Mitgliederzahl von 76 die Auflösung beschlossen wurde. Das Vermögen des Vereins bestand außer dem Kassenbestand nur noch aus den im Rathaus vom Senat verwahrten Preisen (wo sie noch heute, von Zeit zu Zeit geputzt, gehütet werden)! Inzwischen hatte sich draußen in der Welt eine ganz andere Entwicklung durchgesetzt. Aus Repräsentation und Ausbildung war das Seesegeln nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Amateursport geworden. 1923 fand die erste Bermudaregatta statt; 1925 begannen die Engländer mit ihren Fastnet- Rennen; 1928 fiel der Startschuß für das erste Atlantikrennen »neuer Art« in kleinen, aber nicht weniger seetüchtigen Yachten, die unter der Führung seesegelbegeisterter Amateure erstaunliche Leistungen vollbrachten. 1928 war das Ziel Santander, Spanien. 1931 folgte die Regatta nach Plymouth, 1935 nach Norwegen. Überall drängten die Amerikaner in Konstruktion und Leistung nach vorn. Daß Deutschland, wenn auch verspätet, doch noch den Anschluß gewann, verdanken wir der Initiative Kapitän Schlimbachs, der mit einer Yawl, die ihm ein NRV- Konsortium zur Verfügung gestellt hatte, als erster Deutscher das Rennen nach Bergen, Norwegen, mitsegelte. Die Yacht hieß »Störtebeker«.

Hamburg IV

Aus diesem Anfang entwickelte sich die von deutscher Seite veranstaltete Atlantik-Regatta 1936, an der ein wieder von Hamburger Spendern finanzierter Neubau, die »Hamburg IV« unter Schlimbachs Führung, mit Hans W. Petersen als Navigator, teilnahm. Beide Yachten, »Hamburg IV« und »Störtebeker«, wurden dem am 23. März 1937 unter der Schirmherrschaft des Reg. Bürgermeisters Krogmann wiedergegründeten Hamburgischen Verein Seefahrt zur Verfügung gestellt. Edmund Luttrop übernahm den Vorsitz. Auf der Gründerversammlung gab der Bürgermeister in seinen einleitenden Worten der Hoffnung Ausdruck, daß »der nun wieder entstandene Verein Seefahrt seiner alten Tradition getreu wieder zu einem Sammelpunkt Hamburgischer Bestrebungen für die Förderung der deutschen Seegeltung werden möchte«. Edmund Luttrop dankte anschließend dem Norddeutschen Regatta Verein für die geleistete Vorarbeit und die »großzügige Gastfreundschaft, die der NRV dem Verein Seefahrt in bewährter Weise zur Verfügung stelle«. Hiermit beantwortet sich eine der eingangs gestellten Fragen nach dem Verhältnis des Norddeutschen Regatta Verein zum Hamburgischen Verein Seefahrt. NRV- Mitglieder haben nämlich den Verein Seefahrt gegründet; unter NRV- Stander haben unsere Yachten jahrzehntelang gesegelt. Bei aller Unabhängigkeit des Verein Seefahrt, dessen Yachten heute auch den Stander des Hamburger Clubs führen, sind aus der Vergangenheit heraus seine Bindungen an den NRV am stärksten.

Vor dem Ersten Weltkrieg wurden die großen Yachten von bezahlten Kapitänen und Mannschaften gesegelt und instand gehalten. Wer sollte aber jetzt die kleinen Yachten bemannen? Der Verein Seefahrt als solcher bestand von jeher und besteht noch heute vorwiegend aus älteren Mitgliedern aus Kreisen des Hamburger Handels, der Reeder, Assekuradeure, Banken, Verlage und der Industrie, die mit ihren Beiträgen und Spenden uneigennützig die Ziele des Vereins fördern. Getreu seiner Zweckbestimmung, seeseglerischen Nachwuchs heranzubilden, ging der Verein Seefahrt daher nach 1937 dazu über, seine Yachten jüngeren Seglern anzuvertrauen, die sich formlos und ohne einen neuen Club zu bilden zusammenschlossen und sich nach der ersten Schlimbach- Yacht »Gruppe Störtebeker« nannten. Jeder Segler dieser »Gruppe Störtebeker« muß einem vom Deutschen Segler-Verband anerkannten Verein angehören. Außerdem wird erwartet, daß er in späteren Jahren Mitglied des »Verein Seefahrt« wird. Die Gruppe stellt sich zur Aufgabe, den Seglernachwuchs seemännisch auszubilden und für Hochseeregatten vorzubereiten. Außer den beiden seetüchtigen Yachten »Störtebeker« und »Hamburg IV« verfügten wir in den 30er Jahren noch über zwei Jollenkreuzer, die »Laura« und »Anneliese«, beide in guter Erinnerung bei den alten Mitgliedern der »Gruppe Störtebeker«. Neben den Elbewettfahrten und der Helgolandwoche wurden die großen Seeregatten nach Burnham on Couch (England), die Fastnet- Rennen von Cowes um den irländischen Fastnet- Rock zurück nach Plymouth, die schwedischen Gotland-, die deutschen Ostsee- und andere Regatten bestritten. Die »Störtebeker«, gaffelgetakelte Yawl mit Toppsegeln, unternahm bemerkenswerte Reisen nach England und Schottland. Diese erfreuliche Entwicklung wurde durch den Zweiten Weltkrieg unterbrochen. Eine Reihe unserer besten jungen Segler kehrten nicht zurück. Die »Hamburg IV« wurde durch Brandbomben völlig zerstört, die »Störtebeker« schwer mitgenommen, die »Anneliese« durch Splitter beschädigt. Der Mitgliederbestand ging zurück, die für Neubauzwecke angesammelten Mittel schwanden durch die Währungsreform dahin. Fast hoffnungslos erschien es, den Verein Seefahrt ein zweites Mal wieder aufzubauen. Trotzdem wurde dieses unter der tatkräftigen Führung von Hans W. Petersen, gestützt auf die Haltung treu gebliebener Mitglieder, unternommen. Mit den letzten »Rauschmark«-Mitteln wurde zunächst die »Störtebeker« wieder instand gesetzt. Ihre alten Gaffelsegel wurden auf die erhalten gebliebenen Hochmasten der »Hamburg IV« umgeschnitten; und mit der großzügigen Hilfe interessierter Hamburger Wirtschaftskreise konnte bald nach der Währungsreform die »Hamburg V«, eine Leichtdeplacementyacht, bei der Werft Abeking & Rasmussen in Auftrag gegeben werden. 1953 vergrößerte sich die Flotte um die in England erworbene »Ortac«, eine 1937 von Robert Clark gebaute, kuttergetakelte Hochseeyacht.

Hamburg V

Als 1955 wieder eine Atlantikregatta von Newport nach Marstrand ausgeschrieben wurde, war gerade ein halbes Jahrhundert seit jenem ruhmreichen Rennen um den Kaiser-Pokal 1905 verstrichen, neunzehn Jahre seit unserer letzten Teilnahme an einer Atlantikregatta. Dieses Mal waren wir mit der »Ortac« wieder dabei. 1956 mußten wir die alte »Störtebeker« und die »Hamburg V«, die sich nicht recht bewähren wollte, einem Neubau opfern. Die »Störtebeker« ging in die Hände jüngerer Segler ins Mittelmeer; die »Hamburg V« segelte unter dem Stander des Königlich Belgischen Yacht Club in Antwerpen unter dem Namen »Tenace II«.

Hamburg VI

Die nach den Plänen von Henry Gruber bei Ernst Burmester im Winter 1955/1956 erbaute neue »Hamburg VI« wurde eine Yawl von 17 Meter Länge über alles. 1957 nahm die Yacht an der Ozeanregatta nach Santander, 1960 nach Marstrand teil; Beide Male unter der Führung von Dr. Kurt Fischer, der auch schon mit der »Ortac« 1955 den Atlantik unter Segel überquert hatte. Als der Königlich Dänische Yacht Club zur Feier seines 100jährigen Bestehens eine Transatlantikwettfahrt für das Jahr 1966 ausschrieb, trat der Skipper der »Ortac«, Detlef Rost, mit einem fertig ausgearbeiteten Programm, einer vollständigen Mannschaft und einem gründlich überholten Schiff an den Vorstand mit der Bitte heran, die »Ortac« melden zu dürfen. Wir konnten uns diesem Unternehmungsgeist nicht verschließen, obgleich die Chancen der »Ortac« angesichts ihres Alters und ihrer ungünstigen Vermessung nicht groß waren. So startete die »Ortac« nach Teilnahme am Bermuda-Rennen als älteste Yacht mit dem jüngsten Kapitän im Sommer 1966 vor St.-Davids-Leuchtfeuer, Bermuda. Vorhergegangen war ein glanzvoller Empfang in Hamilton durch Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, dessen Yacht »GermaniaVI« unter der Führung von Hans Viktor Howaldt ebenfalls dabei war. Mit dieser Veranstaltung wurde bereits erfolgreich für die nächste Transatlantikregatta geworben, die der Norddeutsche Regatta Verein zu seinem 100jährigen Jubiläum 1968 mit Zielhafen Travemünde ausschreiben sollte. Aus der »Ortac« wurde alles herausgeholt, was in ihr steckte; auf ihrer besten Etappe lief sie in fünf Tagen 1000 Seemeilen ab, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von acht Knoten entspricht - aber was bei Wind gewonnen worden war, ging in späteren Flauten wieder verloren. So gehörte sie bei der Ankunft in Kopenhagen nicht zu den Siegern. Kaum angekommen, startete sie mit neuer Mannschaft zu einer weiteren Reise von mehr als 1300 Seemeilen von Skagen nach den Shetlands über Bergen zurück. Gleichzeitig liefen die Vorbereitungen für 1968.

Hamburg VII

Der Entschluß des Norddeutschen Regatta Vereins, eine eigene Jubiläumsyacht zu bauen, bedeutete für den Hamburgischen Verein Seefahrt eine freudige Überraschung, zumal der NRV damit die Absicht verband, die neue »Hamburg VII« mit unseren Mannschaften ins Rennen zu schicken. Da die Unterhaltung von drei Yachten unsere Mittel überstieg, mußten wir uns allerdings entschließen, uns von unserer »Hamburg VI« zu trennen, mit der wir innerhalb von zehn Jahren zwei Transatlantikrennen und viele andere Langfahrten von zusammen mehr als 50 000 Seemeilen unternommen hatten. Sie ging an Seglerkreise in Hannover, die das Schiff nach dem Umbau im Mittelmeer unter dem Namen »Orplid« stationierten. Gemeinsam mit der Segelkameradschaft »Das Wappen von Bremen« wurden zwei gleiche Schiffe bei der Werft de Dood nach den Rissen von William Tripp in Auftrag gegeben und im Frühjahr 1967 abgeliefert. Auf eigenem Kiel segelte die »Hamburg VII« 1968 nach Newport, von dort nach Bermuda und startete in der NRV- Jubiläumsregatta nach Travemünde. Trotz härtester Konkurrenz wurde die »Hamburg VII« unter Führung von Günther Reher zu unserer Freude und Genugtuung mit Minuten-Vorsprung Siegerin ihrer Klasse B; es war das schönste Geschenk, das der Hamburgische Verein Seefahrt dem Norddeutschen Regatta Verein zu seinem Jubiläum machen konnte. Wir hatten damit den größten Regattaerfolg auf transatlantischen Regatten seit dem legendären 2. Preis der ersten »Hamburg« im Jahre 1905 errungen. Nach der vorübergehenden Stationierung der »Hamburg VII« im Mittelmeer, Herbst 1969 bis Sommer 1970, rüsteten wir uns Ende 1970 für das nächste Ereignis, die Teilnahme an der von Südafrika zum ersten Male veranstalteten Regatta über den Südatlantik von Kapstadt nach Rio de Janeiro. Am 16. Januar startete die »Hamburg VII« wiederum unter Führung von Günther Reher in einem Feld von 59 Yachten. Sie lag im ersten Drittel der ankommenden Yachten. Auf eigenem Kiel kehrte die »Hamburg VI« über Westindien und die Azoren im Mai 1971 nach Hamburg zurück. Mehr als 8000 Seemeilen lagen hinter ihr. Im Olympia-Jahr 1972 segelte die »Hamburg VII« auf eigenem Kiel nach New York und nahm unter Führung von Uwe Ernst an der Transatlantik-Regatta nach Bayona/Spanien teil. Aus Anlaß der Segel-Olympiade in Kiel war sie Teilnehmerin an den Schulschiffregatten mit den Windjammern, die mit der Geschwaderfahrt von Travemünde nach Kiel im Rahmen der Operation Sail ihr Ende fanden. Als neues Schiff konnte der Hamburgische Verein Seefahrt Ende 1972 unter dem traditionellen Namen »Störtebeker« die frühere »Rubin« in Dienst stellen. Dafür mußten wir uns von der »Ortac« trennen. Sie ist nach Madeira verkauft worden, wo sie für einen deutschen Eigner unter ihrem alten Namen weiter gesegelt wurde. 1973 wurde bekannt als das Jahr, in dem die deutschen Segler den Admiral's Cup gewannen. Wir beschränkten unsere Reisen auf diesseits des Atlantiks. Die »Hamburg VII« machte eine Reise zu den Azoren, die »Störtebeker« nahm an den Ausscheidungsregatten zum Admiral's Cup vor Helgoland und Kiel teil, wo sie sich gegen die modernen Risse nicht qualifizieren konnte, und ging dann nach England zur Cowes Week mit dem Channel Race und dem Fastnet Race. In der Altersklasse konnten hier sogar einige Preise ersegelt werden. Wegen niedrigen Wasserstandes verzögerte sich die Indienststellung der »Hamburg VII« 1974 um Wochen. Im Juli lief sie jedoch zu einer Reise nach Island aus und überstand im Nordatlantik einen schweren Orkan mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 70 Knoten. Die »Störtebeker« nahm an der Nordsee Woche vor Helgoland teil und errang auf der Regatta Rund Helgoland einen 1. Preis in der Altersklasse. Die Sommerreise führte das Schiff nach Helsinki und andere Häfen in der Ostsee. Zu Ende der Saison mußten wir uns von der »Hamburg VII« trennen, da der Norddeutsche Regatta Verein das Schiff an die Hanseatische Yachtschule in Glücksburg verkauft hatte. Die 1967 in Dienst gestellte »Hamburg VII« segelte insgesamt rund 100 000 Seemeilen und dürfte damit zu unseren erfolgreichsten Schiffen gehört haben.

Hamburg VIII

Die Hauptaufgabe des Jahres 1975 bestand darin, eine Nachfolgerin für das bewährte Schiff zu finden. Die Bemühungen konnten im April des Jahres mit dem Kauf einer von Dufour konstruierten Kunststoff-Soninyacht abgeschlossen werden: Die »Garuda« des Konsuls Franz Burda erhielt den Namen »Hamburg VIII«. Doch die Freude währte nur kurze Zeit. Nach Trimm- Fahrten und Wochenendreisen in der westlichen Ostsee geriet die »Hamburg VIII« am 28. Juni 1975 ohne Verschulden der Crew in Brand; sie wurde völlig zerstört. Zum Jahresende konnte der Hamburgische Verein Seefahrt Dank der Hilfe von Felix Scheder-Bieschin dessen Yacht »Vineta« erwerben, die zum Beginn der Saison 1976 unter dem Namen »Hamburg IX« in Dienst gestellt wurde. Die »Störtebeker« wurde wegen des Ausfalls der »Hamburg VIII« 1975 fast pausenlos gesegelt, hauptsächlich bei Regatten in Nord- und Ostsee sowie zur Cowes Week und im Fastnet Race. Die Sommerreise führte nach Finnland. 1976 standen wieder zwei Yachten zur Verfügung.

Die »Hamburg IX« nahm vornehmlich an den Regatten vor Kiel und Helgoland sowie in der Ostsee bei Gotland und Skagen teil. Dazu kamen viele kurze Wochenend-Törns. Die »Störtebeker« segelte im Rahmen der Operation Sail zu den 200-Jahr-Feiern der USA über Teneriffa, Bermuda, New York und Boston nach Hamburg zurück. Über 10 000 Seemeilen wurden auf dieser langen Reise gesegelt. Das Schiff kehrte wohlbehalten und ohne Schaden nach Deutschland zurück. Während der anschließenden Flensburger Woche wurde sogar noch ein 1. Preis ersegelt. 1977 wurde die rege Reise- und Wettkampftätigkeit fortgesetzt.

Hamburg IX

Für die Saison 1978 standen uns erstmals drei Yachten zur Verfügung, nachdem man sich entschlossen hatte, mit der Admiral's-Cup-Yacht »Duva« von Dr. Hans-Hermann Lubinus aus Kiel eine moderne Rennyacht zu erwerben, die im Jahre des 75-jährigen Jubiläums die Farben des HVS auch im Feld der neuesten Konstruktionen der Klasse 1 nach IOR vertreten konnte. Unter dem Namen »Hamburg X« war die von Sparkman & Stephens konstruierte, 1975 bei Burmester gebaute Hochseeyacht nunmehr das neue Flaggschiff des HVS.

Die Teilnahme an Atlantikregatten und Langfahrten bildet zwar Höhepunkte für den Verein Seefahrt; aber in dem weniger sichtbaren, regulären Betrieb wird die eigentliche »Breitenarbeit« geleistet. Dazu gehören auch die Überholungsarbeiten im Winter. Aus finanziellen und erzieherischen Gründen legen wir Wert darauf, daß die Mannschaften des Sommers auch im Winter an den Schiffen arbeiten. Erst hierbei stellt sich heraus, wer wirklich Seesegler und Seemann ist und sein Schiff so liebt, daß er auch Wintertags bereit ist, seine Freizeit zu opfern. Unser Jahresprogramm umfaßt die Teilnahme an möglichst vielen Regatten genau so wie die Planung und Durchführung weiter Reisen mit ehrgeizig gesteckten Zielen. So haben unsere Yachten während der letzten Jahre auf Ausbildungsreisen alle Küsten zwischen Haparanda, Island, Norwegen und den Hebriden besucht, sind rund um England gesegelt und haben Vorstöße bis in die Biskaya, zu den Azoren und ins Mittelmeer unternommen. Die jungen, segelbegeisterten Angehörigen der »Segelgruppe Störtebeker« kommen aus allen Berufen und vornehmlich aus den Hamburger, an Alster und Elbe gelegenen Segelvereinen. Fast unmerklich treten im Laufe der Zeit aus dieser Schar einzelne hervor, die Führungsqualitäten und damit das Zeug zum Skipper besitzen. Ihnen vertrauen wir unsere Schiffe an. Das Alter spielt dabei keine Rolle. Nach ihrer aktiven Zeit bleiben die früheren Mitglieder der Gruppe Störtebeker dem Verein Seefahrt fest verbunden. Wir sehen es als Erfüllung unserer Zielsetzungen an, daß viele der von uns ausgebildeten Segler als Skipper und Wachführer auf anderen Schiffen der immer größer werdenden deutschen Yachtsegelflotte fahren und sich auch dabei bewähren. Viele von ihnen honorieren die bei uns gesegelten Reisen oder die bei uns erlernte Seemannschaft als Mitglieder des Hamburgischen Vereins Seefahrt. Viel hat sich gewandelt in diesen 75 Jahren; aber eine Gemeinsamkeit verbindet uns mit dem alten Verein Seefahrt: Wie damals als vornehmster Zweck die Ausbildung seemännischen Nachwuchses galt, so geht es heute um die Ausbildung der sportlich gesinnten Jugend, die sich zur See hingezogen fühlt und noch genug Ehrgeiz und Abenteuerlust besitzt, den persönlichen Kampf mit den Elementen zu wagen. Kein Abenteuer ist ohne Gefahren. Sie zu bestehen verlangt die gleichen seemännischen Tugenden, die in der Zeit der großen Segelschiffe gefordert wurden. Der Preis, der unseren jungen Seglern winkt, ist die Freude über eine vollbrachte Leistung, die im Zusammenwachsen der Mannschaft zustande gekommen ist, ein Gefühl viel tieferer Befriedigung, als es der Applaus der Galerien oder silbernen Preise geben können. Solange der Hamburgische Verein Seefahrt jungen Menschen diese Möglichkeit der Bewährung vermitteln kann, erfüllt er seinen Daseinszweck, auch für seine Heimatstadt, die Freie und Hansestadt Hamburg.

Der Hamburgische Verein Seefahrt

"Unterhaltung von seegängigen Seefahrzeugen und die körperliche und charakterliche Ertüchtigung der Jugend und Ausbildung zum Seemann" - diese 1903 manifestierte  Zielsetzung des HVS gilt bis heute, auch wenn sich Sprache und Zeiten geändert haben. Damals wie heute gilt es, segelbegeisterten Jugendlichen Kenntnisse und Erfahrung im Hochseeesegeln zu vermitteln, sodass sie an den Herausforderungen und der Verantwortung wachsen und Lebenserfahrung sammeln. Weiterlesen.

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